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Sehr gut besucht - die Vorträge beim Fachtag der Bezirkskliniken Schwaben
Sehr gut besucht waren die Vorträge beim Fachtag der Bezirkskliniken Schwaben. Den Fachtag der Bezirkskliniken Schwaben mit dem Titel „Raus aus der Depression!“ verfolgten wieder knapp 300 Besucher in der Memminger Stadthalle. Foto: Georg Schalk

Kampf gegen eine Volkskrankheit: Bezirkskliniken Schwaben informieren über das Krankheitsbild Depression

Beim 2. Fachtag der Bezirkskliniken Schwaben erfuhren rund 280 Zuhörer in der Memminger Stadthalle, wie man eine Depression erkennen und wie man sie behandeln kann. Fachleute des Gesundheitsunternehmens holten das Thema aus der Tabuzone.

Depressionen sind eine Volkskrankheit. Die Zahl der Menschen mit Depressionen steigt weltweit rasant. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren 2015 etwa 322 Millionen Menschen betroffen, das sind 4,4 Prozent der Weltbevölkerung. Zum Vergleich: Etwa 35 Millionen Menschen leben mit Krebs. „Depressionen gehören damit zu den häufigsten und mit Blick auf die Schwere zu den am meisten unterschätzten Erkrankungen“, sagte Thomas Düll, Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken Schwaben, zu Beginn des 2. Fachtages des Gesundheitsunternehmens in der Memminger Stadthalle. In der Bundesrepublik erkranke jeder Sechste im Lauf seines Lebens an einer behandlungsbedürftigen Depression, so Düll.

Zahlen aus den schwäbischen Bezirkskliniken mit ihren 3600 Beschäftigten und acht Klinik-Standorten bestätigen diese Aussage. So wurde bei mehr als 35 Prozent der Patientinnen und Patienten, die vergangenes Jahr in einer der psychiatrischen Kliniken ambulant, teil- oder vollstationär behandelt wurden, eine sogenannte F3-Diagnose gestellt. „Bei knapp 5000 Personen war die Depression die Hauptdiagnose, bei fast 27000 Fällen eine der Nebendiagnosen“, erläuterte der Vorstandsvorsitzende.

Vor diesem Hintergrund hatten die Bezirkskliniken mit der Wahl des Themas des 2. Fachtages voll ins Schwarze getroffen: „Raus aus der Depression!“ lautete der Titel, und 280 Besucherinnen und Besucher nutzen die Gelegenheit zur Information und zum Austausch. Mehr als ein Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter zahlreiche Chefärzte der einzelnen Standorte, vermittelten prägnant und auf anschauliche Art und Weise einen Nachmittag lang, wie eine Depression erkannt werden und was man dagegen tun kann.

„Ziel ist es auch, psychische Erkrankungen wie die Depression aus der Tabuzone zu holen“, sagte Vorstandsvorsitzender Düll. Dieser erneut erfolgreiche Fachtag der Bezirkskliniken Schwaben hat wieder mit dazu beigetragen.

Aus Sicht von Manfred Schilder, Oberbürgermeister der Stadt Memmingen, ist Depression ein Thema, dem man gar nicht genug Aufmerksamkeit widmen kann. „Ich freue mich, dass sie dieses Symposium dazu veranstalten“, sagte Schilder in seinem Grußwort.

Die Depression ist eine lange bekannte psychische Erkrankung, führte Professor Markus Jäger (Bezirkskrankenhaus Kempten) aus. Symptome sind eine stark gedrückte Stimmung, eine Störung des Denkens sowie verlangsamte Bewegungen, die den ganzen Körper betreffen. Einhergehen kann dies mit Appetitlosigkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Schuldgefühlen und lebensmüden Gedanken. Laut Jäger ist das persönliche Gespräch das zentrale diagnostische Instrument für eine Krankheit, die sehr vielfältig ist.

Professor Manuela Dudeck (Klinik für Maßregelvollzug am BKH Günzburg) beleuchtete das Thema „Depression und Trauma“ und arbeitete den Unterschied zwischen Trauma und Traumatisierung heraus. Je nach Persönlichkeitsentwicklung könne der eine ein schweres Erlebnis besser verkraften als der andere. Manuela Dudeck: „Ein Trauma ist sehr eng mit allen psychischen Erkrankungen verknüpft. Ob ein Trauma traumatisiert, hängt davon ab, was nach dem Trauma passiert.“

Dr. Achim Grinschgl (Günztalklinik Allgäu) gab einen Überblick über die psychotherapeutischen Verfahren in den Bezirkskliniken Schwaben. In der Depression, so Grinschgl, sei für die Betroffenen die Welt grau. Sie hätten Probleme, ihren (Arbeits-) Alltag zu bewältigen und zögen sich zurück. Mit zahlreichen Angeboten – unter anderem in der neuen psychosomatischen Günztalklinik Allgäu in Obergünzburg – sei es jedoch möglich, eine Depression zu überwinden, betonte der Chefarzt. Das Motto lautet: „Raus aus dem sozialen Rückzug, rein ins Zusammenleben und gemeinschaftliche Erleben sowie in die Begegnung mit anderen und mit sich selbst.“

Da in vielen Fällen somatische Erkrankungen mit psychischen einhergehen, sind auch Neurologen mit depressiven Störungen ihrer Patienten konfrontiert. Professor Martin Hecht, Leiter der Neurologie des BKH Kaufbeuren, stellte die Schlaganfallbehandlung in seiner Klinik und die akute Strokebehandlung im Netzwerk „NEVAS“ vor. „Jede Minute, die im Rettungsablauf eingespart wird, ist kostbar“, betonte Hecht.

„Burnout – gibt’s das überhaupt?“ fragte Privatdozent Dr. Albert Putzhammer, Leitender Ärztlicher Direktor des BKH Kaufbeuren. Seine Antwort: Im medizinischen Sinne ist Burnout keine Krankheit, sondern ein Risikofaktor für eine Krankheit wie Depression. Die jeweilige Persönlichkeit und Lebenssituation können dazu beitragen, das Gefühl des „Ausgebranntseins“ zu bekommen und zu glauben, dass einem alles über den Kopf wächst.

Was spricht für Antidepressiva in der Depressionsbehandlung und was dagegen? Mit diesem Aspekt beschäftigte sich Professor Max Schmauß in seinem Vortrag. Der Ärztliche Direktor des BKH Augsburg berichtete, dass es Antidepressiva seit etwa 60 Jahren gibt. Sie gehörten zur Gruppe der Psychopharmaka. Antidepressiva machten nicht abhängig, so Schmauß. Man müsse sie jeweils vier bis sechs Wochen lang einsetzen, bis eine Wirkung zu erkennen sei. „Selbst das beste Antidepressiva kann allerdings das soziale Umfeld nicht verbessern“, gab der erfahrene Chefarzt zu bedenken.

Auf großes Interesse stieß der Vortrag „Mit Strom gegen Depression – Stimulationsverfahren“, den Dr. Britta Walther (Oberärztin Gerontopsychiatrie) und Dr. Maria-Teresa Pedro (Oberärztin Neurochirurgie; beide BKH Günzburg) gemeinsam bestritten. Für Patienten mit therapieresistenter Depression stellt die Vagus-Nerv-Stimulation (VNS) neben der Elektrokrampftherapie eine operative Methode dar, bei welcher der zehnte Hirnnerv mittels einer Elektrode stimuliert wird. Dieser „Nervus vagus“ ist der größte Nerv des Parasympathikus und an der Regulation der Tätigkeit fast aller inneren Organe beteiligt. Er projiziert aber auch auf im Gehirn liegende Strukturen, von denen man annimmt, dass sie dysreguliert sind und so an der Depressionsentstehung und Aufrechterhaltung beteiligt sind. „Patienten, denen eine medikamentöse Therapie in mehreren Versuchen nicht helfen konnte und bei welchen andere Therapieverfahren nicht angewendet werden können, profitieren im Langzeitverlauf deutlich von einer Vagus-Nerv-Stimulation , was auch wissenschaftlich gut belegt ist“, so Dr. Walther. In der Günzburger Neurochirurgie werden solche Stimulatoren vor allem auch im Rahmen der Epilepsie-Chirurgie implantiert, informierte Dr. Pedro.

Der sozioökonomische Status eines Menschen ist bedeutend; Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft erhöhen die Depressionshäufigkeit. Zu diesem Ergebnis kommt Professor Thomas Becker. Der Leitende Ärztliche Direktor des BKH Günzburg sieht insbesondere bei alleinerziehenden Müttern eine große Gefahr, seelisch krank zu werden. Aufgrund des relativ hohen Armutsrisikos würden Angststörungen und Stimmungserkrankungen vermehrt vorkommen. „Psychisch Kranke sind unglaublich einsam“, so Becker, der das englische Modell einer freiwilligen Kraft vorstellte, die sich mit einem psychisch Erkrankten trifft und Kontakte knüpft. Dadurch werde eine nachweisbare antidepressive Wirkung erzielt.

Privatdozent Dr. Karel Frasch (BKH Donauwörth) stellte das Modell „Home Treatment“ vor. Hierbei kommt die Klinik in Person eines Arztes, einer Pflegekraft und eines Sozialarbeiters zum Patienten nach Hause. Die Behandlung findet so im vertrauten Umfeld des Betroffenen statt.

Brigitte Ringenberger, leitende Psychologin beim BKH Augsburg, griff mit der Überschrift „internetgestützte Therapieverfahren“ ein hoch aktuelles Thema auf. Sie könnten kein Ersatz für traditionelle Psychotherapie sein, sondern nur Ergänzung. Ein Vorteil sei der barrierefreie Zugang (z.B. Sprache), ein weiterer, dass die Patienten – viele von ihnen haben Smartphones und sind im Internet – Stimmungsprotokolle per App von Anfang an selbst ausfüllen und bearbeiten. Frau Ringenberger sprach sich dafür aus, ausschließlich therapeutisch begleitete Programme zu verwenden. Diese seien wirksamer und nachhaltiger als unbegleitete.

Dass es zwischen somatischen und psychischen Erkrankungen enge Beziehungen gibt, weiß Dr. Andreas Küthmann nur zu gut. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist „sein“ BKH Memmingen in das örtliche Klinikum integriert. Schilddrüsenerkrankung, Herzinfarkt, Zuckerkrankheit, Krebserkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparats, neurologische Störungen oder chronische Rückenschmerzen: In vielen Fällen haben internistische und chirurgische Fälle seelische Erkrankungen wie Depressionen zur Folge. „Man muss die Augen auf beide Bereiche richten“, so Küthmann.

Zum Abschluss dankte der Chefarzt des BKH Memmingen allen Referentinnen und Referenten für ihre Beiträge. „Es hat uns allen Spaß gemacht.“ Für sein Mitarbeiterinnen-Team Mathilde Kuda, Kerstin Söhle und Anja Mayer gab es Blumen

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